Hochschulnachricht

Symbolbild für NachrichtBologna-Minister wollen Studierendenmobilität steigern

30.4.2012

Mehr Studierende sollen während ihres Studiums eine Zeit im Ausland verbringen. Um dies zu erreichen, verabschiedeten die 47 Bildungs- und Wissenschaftsminister(innen) des europäischen Hochschulraums auf ihrer Bologna-Konferenz vergangene Woche in Bukarest die Mobilitätsstrategie 2020. Sie betont die Bedeutung von Mobilität für die Zukunftschancen der jungen Menschen in Europa. Weitere Themen des Ministertreffens waren die Finanzkrise und ihre Auswirkungen im Hochschulbereich, soziale Durchlässigkeit beim Hochschulzugang, Qualität in Lehre und Studium sowie die Verbesserung der Beschäftigungsfähigkeit der Studierenden.

Die für Hochschulen zuständigen Ministerinnen und Minister der 47 Signatarstaaten des Bologna-Prozesses wollen noch mehr Studierende dazu ermutigen, ins Ausland zu gehen. Künftig soll jede(r) fünfte Studierende am Ende seines Studiums Auslandserfahrung vorweisen können. Das ist das Kernziel der in Bukarest verabschiedeten Mobilitätsstrategie 2020 „Mobility for Better Learning“. Noch bestehende Mobilitätshemmnisse, wie zum Beispiel Schwierigkeiten bei der Anerkennung von im Ausland erbrachten Studienleistungen, sollen abgebaut werden. „Wir möchten, dass Studierende ins Ausland gehen, sich dort mit einer anderen Kultur auseinandersetzen, die Sprache des Gastlandes lernen und persönliche Kontakte knüpfen“, erläuterte Helge Braun, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung, der Bundesbildungsministerin Annette Schavan in Bukarest vertrat. „Hierfür müssen wir Bologna noch besser erklären. Und wir müssen noch stärker darauf drängen, dass im Ausland erworbene Leistungen an den heimischen Hochschulen anerkannt werden.“ Braun betonte, dass Deutschland bei der internationalen Mobilität von Studierenden bereits viel erreicht habe. Die Anzahl der deutschen Studierenden im Ausland sei 2009 auf 115.500 angestiegen und habe sich damit in den letzten zehn Jahren mehr als verdoppelt. Marco Tullner, Staatssekretär im Ministerium für Wissenschaft und Wirtschaft in Sachsen-Anhalt und Vertreter der Bundesländer in Bukarest, erklärte, die Hochschulen in Deutschland hätten bei der Ausgestaltung der Bachelor- und Masterstudiengänge mehr Raum für Auslandsaufenthalte geschaffen. 2015 wollen die Bologna-Minister(innen) Bilanz ziehen und prüfen, inwieweit die Mobilitätsziele erreicht werden konnten.

Tullner betonte darüber hinaus das Ziel, den Hochschulzugang verstärkt für alle sozialen Gruppen zu öffnen und mehr junge Menschen aus nicht-akademischen Elternhäusern zur Aufnahme eines Studiums zu ermutigen. „Es wird aus den Erhebungen deutlich, dass ein Studium das Risiko von Arbeitslosigkeit deutlich verringert“, so Tullner. Es komme nun darauf an, die Ziele des Bologna-Prozesses zu konsolidieren und die Qualität der Umsetzung weiter zu verbessern. „Voraussetzung für den nachhaltigen Erfolg des Reformprozesses bleibt seine Akzeptanz bei den Wissenschaftlern, den Studierenden und der Wirtschaft."

Im Bukarest-Kommuniqué verabredeten die Ministerinnen und Minister auch, sich künftig verstärkt der Qualität von Studium und Lehre zu widmen. Sie warben für ein studierendenzentriertes Lehren und Lernen und die Orientierung an Lernergebnissen. Darüber hinaus sollen Hochschulen und Wirtschaft ihre Zusammenarbeit intensivieren, insbesondere bei der Ausarbeitung von Studiengängen. Die sogenannte Beschäftigungsfähigkeit von Hochschulabsolvent(inn)en soll weiter verbessert werden. Auf deutsche Initiative betont das Kommuniqué allerdings auch, dass die Hochschulen einen umfassenden Bildungsauftrag haben und neben der Vermittlung von fachlichem Wissen die Entwicklung intellektueller Unabhängigkeit und eigenständiger Urteilskraft ebenso wie die Persönlichkeitsbildung Teil des hochschulischen Bildungsauftrags sind.

Die Ministerinnen und Minister beschäftigten sich des Weiteren mit der Finanzkrise, die in vielen Staaten zu Sparmaßnahmen führt. Dies trifft häufig auch den Hochschulbereich. In Bukarest bekannten sich die 47 Bologna-Minister(innen) dazu, dass gerade in der Bildung die Antwort auf die Finanzkrise liege und deshalb entsprechende Ressourcen bereitgestellt werden müssten.

Die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) begrüßte die Ziele, den Zugang zu höherer Bildung sozial gerecht zu erweitern, ein studierendenzentriertes Lehren und Lernen voranzutreiben und die Übertragbarkeit und Anerkennung von Studienleistungen im europäischen Hochschulraum zu verbessern. „In diesem Sinne wird die HRK ihre Mitgliedshochschulen motivieren, vermehrt gemeinsame Studiengänge und -abschlüsse mit anderen europäischen Hochschulen anzubieten“, heißt es in einer Mitteilung der Organisation. Kritisch sieht die HRK „die dominante Orientierung des Kommuniqués an Beschäftigungsfähigkeit als Hauptziel der hochschulischen Ausbildung“. Sie begrüßt daher die Verpflichtung der Hochschulen auf allgemeine Bildung, die auf deutsche Initiative in den Text aufgenommen wurde. „Enttäuscht“ äußerte sich die HRK darüber, dass mit Blick auf eine ausreichende öffentliche Finanzierung der Hochschulen lediglich ein „Dialog“ verabredet wurde. Begrüßt wird das Vorhaben, den Bologna-Prozess 2015 einer Evaluation zu unterziehen. „Dazu wird es erforderlich sein, seriöse empirische Daten in den nächsten drei Jahren zu erheben und aufzubereiten sowie adäquate Evaluationskriterien zu entwickeln“, betont die HRK, die zugleich eine Beteiligung ihrer Mitgliedshochschulen an dieser Aufgabe anmahnte.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) forderte gemeinsam mit dem freien zusammenschluss von studentInnenschaften (fzs) Bund und Länder auf, dem Bukarest-Kommuniqué nun konkrete Maßnahmen folgen zu lassen. „In der Ministerkonferenz haben sich die Unterzeichnerländer der Bologna-Erklärung verpflichtet, die soziale Dimension des europäischen Hochschulraums zu stärken, den Hochschulzugang zu erweitern sowie die Lern- und Arbeitsbedingungen der Studierenden und Hochschulbeschäftigten zu verbessern. Das sind klare Worte, denen Taten folgen müssen: Die Bologna-Software muss von der entsprechenden Hardware untersetzt werden“, erklärten Andreas Keller von der GEW und Erik Marquardt vom fzs. Sie forderten ein Recht auf einen freien Zugang zum Master und eine Verbesserung der Rahmenbedingungen für Studierende und Lehrende. „Solange an den Universitäten in Deutschland auf einen Hochschullehrer 60 Studierende kommen, lässt sich eine individuelle Betreuung der Studierenden nicht realisieren. Es können weder neue Lehr- und Lernmethoden eingeführt noch die Qualität der Lehre verbessert werden“, betonte Keller. Bund und Länder müssten die Hochschulen zügig ausbauen und mehr Lehrende in stabilen Beschäftigungsverhältnissen einstellen.

Die nächste Bologna-Ministerkonferenz findet 2015 in Armenien statt. (tm)

Quellen: dpa, BMBF, HRK, GEW

Download des Bukarest-Kommuniqués
Download der Mobilitätsstrategie 2020