Hochschulnachricht

Symbolbild für NachrichtDFG-Förderatlas: Ein Viertel des Gesamtbudgets der Hochschulen stammt aus Drittmitteln

8.6.2012

Der Wettbewerb um Drittmittel ist im Wissenschaftssystem zum „selbstverständlichen Alltag“ geworden. Das ist ein Ergebnis des DFG-Förderatlas 2012, der Auskunft über die öffentliche Finanzierung der Forschung in Deutschland gibt. Demnach ist der Anteil der Drittmittel an der Gesamtfinanzierung der Hochschulen und der dort durchgeführten Forschung auf über ein Viertel (26 %) angestiegen. Größter Drittmittelgeber ist die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG). Am erfolgreichsten beim Einwerben von DFG-Mitteln war die RWTH Aachen, gefolgt von der LMU München und der FU Berlin. Berlin führt vor München das Ranking der forschungsstärksten Regionen an.

Die Bedeutung von Drittmitteln für die öffentliche Finanzierung von Forschung steigt. Nach Auswertungen der DFG im diesjährigen Förderatlas sind die laufenden Grundmittel der deutschen Hochschulen zwischen 1998 und 2010 nur moderat angewachsen. Sie erhöhten sich um 23 % von 12,6 auf 15,5 Milliarden Euro. Daneben stiegen die von den Hochschulen im Wettbewerb eingeworbenen Drittmittel im selben Zeitraum um mehr als 100 % von 2,5 auf über 5,3 Milliarden Euro an. Der Anteil der Drittmittel an der Gesamtfinanzierung der Hochschulen hat sich damit innerhalb von etwas mehr als einem Jahrzehnt um zehn Prozentpunkte auf jetzt 26 % erhöht.

Mehr als 60 % der Fördergelder stammen dabei aus nur drei Quellen. Größter Drittmittelgeber ist die DFG, die 35 % aller Fördergelder bereitstellt. Es folgen das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und andere forschungsfördernde Bundesministerien sowie die Europäische Union.

Zwischen 2008 und 2010 haben 186 Hochschulen erfolgreich Gelder bei der DFG eingeworben. Das waren mehr als doppelt so viele wie zwischen 1991 und 1995, dem Zeitraum des ersten DFG-Förderrankings, das nun mit dem Förderatlas neu aufgelegt wird. Hinzu kommen 433 außeruniversitäre Einrichtungen, an denen mit Fördermitteln der DFG geforscht wird. Zwei von drei Professor(inn)en haben zwischen 2006 und 2010 mindestens einen Förderantrag bei der DFG gestellt. Besonders hoch ist die Beteiligung am Wettbewerb um Drittmittel in den Fächern Biologie, Chemie, Physik und Geowissenschaften: Hier beantragten jeweils über 90 % aller Professor(inn)en DFG-Mittel. In den Geistes- und Sozialwissenschaften waren es 45 %. Etwa jede zweite Professorin bzw. jeder zweite Professor hat zudem zwischen 2006 und 2010 mindestens einmal an einem Begutachtungsverfahren der DFG mitgewirkt.

Bei der Vorstellung des DFG-Förderatlas 2012 in Berlin resümierte DFG-Präsident Matthias Kleiner daher auch, der Wettbewerb um Drittmittel sei für die deutschen Hochschulen inzwischen Alltag geworden: „Der Wettbewerb ist eben nicht mehr nur auf einen kleinen Teil des Wissenschaftssystems beschränkt. Er ist kein Privileg einiger weniger Berufener und er ist auch keine Ausnahme. Der Wettbewerb um Drittmittel ist vielmehr für weite Teile im Wissenschaftssystem zum ganz selbstverständlichen Alltag geworden – man kann auch sagen: zur puren Notwendigkeit.“ Für viele Wissenschaftler(innen) ist das nicht nur Grund zur Freude. Beklagt werden „Wettbewerbsdruck“ und „Drittmittelzwang“. Kleiner selbst sprach von einer „unproduktiven Rastlosigkeit“ vieler Forscherinnen und Forscher auf der Jagd nach Drittmitteln. Wettbewerb sei eine wichtige Triebfeder der Wissenschaft, so Kleiner, aber man müsse auch „das Unbehagen […] gegen einen ausufernden Wettbewerb“ um Drittmittel ernst nehmen und in die Politik weitertragen. „Dies heißt vor allem eins, nämlich, dass die Grundausstattung der Hochschulen, die so deutlich hinter den Erfordernissen zurückbleibt, dringend erhöht werden muss, um diese Balance zwischen Grundausstattung und Drittmittelförderung wieder in ein besseres Lot zu bringen.“ Ähnlich äußerte sich Dieter Lenzen, Präsident der Universität Hamburg und Vizepräsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK). Lenzen sprach von einem „Missverhältnis“, das auch durch das Kooperationsverbot entstanden sei. „Es wäre gut, wenn der Bund wieder in die Grundausstattung einstiege“, meinte er. Bis dahin seien die Länder aber in der Verpflichtung, „die Grundausstattung für die Forschung so zu gestalten, dass es auch möglich ist, etwas in Gang zu bringen, ohne dass man in einen Wettbewerb treten muss.“

Im Förderatlas weist die DFG auch aus, wie erfolgreich die Hochschulen beim Einwerben von Drittmitteln waren. An der Spitze steht dabei die RWTH Aachen, die zwischen 2008 und 2010 allein bei der DFG 278 Millionen Euro eingeworben hat. Ihr folgt die LMU München mit 264 Millionen Euro und die FU Berlin mit 251 Millionen Euro. Unter den zehn bewilligungsstärksten Hochschulen finden sich darüber hinaus die TU München, die Universitäten Heidelberg und Freiburg, das Karlsruher Institut für Technologie (KIT), die HU Berlin sowie die Universitäten Göttingen und Nürnberg-Erlangen. Die zwanzig bewilligungsstärksten Hochschulen konnten mehr als 60 % aller von der DFG gezahlten Fördergelder auf sich vereinen. Den Wettbewerb dominierten in den letzten Jahren mit leichten Verschiebungen die immer gleichen Hochschulen. Signifikant aufgestiegen ist im Förderranking lediglich die TU Dresden. Angesichts dieser Dominanz der großen Hochschulen forderte HRK-Vize Lenzen mehr Chancengleichheit. Große Universitäten hätten es leichter, eine „kritische Masse“ von starken Forscher(inne)n für einen erfolgreichen Antrag zusammenzubringen. „Einen großen Schwerpunkt zu bilden, ist in einer Universität mit 80 Professoren völlig ausgeschlossen – geschweige denn, mehrere zu bilden“, so Lenzen.

Auch Hochschulen mit einem ausgeprägten naturwissenschaftlichen und technischen Profil haben es leichter, hohe Fördersummen zu erzielen. Das meiste Fördergeld – insgesamt 2 Milliarden Euro – floss in die Lebenswissenschaften. Es folgen die Natur- und Ingenieurwissenschaften. Auf die Geistes- und Sozialwissenschaften entfielen hingegen nur knapp 900 Millionen Euro. Auch die Exzellenzinitiative hat den Konzentrationsprozess in der Förderung noch verstärkt. Die Plätze eins bis sieben des DFG-Förderrankings teilen sich sieben der neun „Exzellenzunis“.

Die forschungsstärkste Region ist nach den Analysen der DFG Berlin. Hier wurden von den Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen zwischen 2008 und 2010 insgesamt DFG-Fördermittel in Höhe von 631 Millionen Euro eingeworben. Es folgt die Region München mit 586 Millionen Euro, die im letzten Förderranking noch mit Berlin gleichauf lag. Weitere forschungsstarke Regionen sind nach DFG-Angaben Aachen-Bonn-Köln, Hannover-Braunschweig-Göttingen, Rhein-Neckar und Rhein-Main. (tm)

Quellen: DFG, dradio, Tagesspiegel, taz

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