Hochschulnachricht
Kaum Anreize für griechische Studierende: Niedrige Einkommen trotz hoher Bildung
27.7.2012
Angesichts der anhaltenden Wirtschaftskrise schätzen die griechischen Studierenden ihre Berufs- und Karriereperspektiven wenig optimistisch ein. Von ihrem Studium erwarten sie mittelfristig kaum Einkommensvorteile. Außerdem gehen sie davon aus, durchschnittlich zwei Jahre nach einer Stelle suchen zu müssen, die ihren Qualifikationen entspricht. Groß ist daher auch der Anteil derer, die nach dem Studium ihr Glück im Ausland versuchen wollen.
Dies sind Ergebnisse einer Studie, die ein deutsch-griechisches Wissenschaftlerteam vergangene Woche vorgestellt hat. Für die Studie befragten Prof. Manfred Königstein von der Universität Erfurt und Prof. Konstantinos Papadopoulos von der Universität Thessaloniki insgesamt 321 Studierende beider Universitäten. Die meisten von ihnen waren im ersten Semester im Fach Wirtschaftswissenschaften eingeschrieben. Die Befragten wurden gebeten, ihre Erwartungen zur Einkommensentwicklung im jeweiligen Land, zur Suche nach einem geeigneten Job und zu ihrer Bereitschaft, eine Stelle im Ausland anzunehmen, mitzuteilen.
„Die anhaltende Wirtschaftskrise in Griechenland beeinflusst die Erwartungen junger Menschen bezüglich ihrer eigenen, langfristigen Berufschancen“, fasst Königstein die Ergebnisse der Studie zusammen. Gemeinsam mit seinem Team konnte er zeigen, dass die griechischen Studierenden substantielle Einkommensverluste in allen Bildungsschichten erwarten. Während deutsche Studierende mit einem langfristigen Einkommensvorteil von 25 % gegenüber Personen mit einer durchschnittlichen Bildung rechnen, erwarten griechische Studierende quasi keinen Unterschied. Die Erträge aus Investitionen in höhere Bildung werden in Griechenland somit als sehr gering eingeschätzt. Die Anreize, ein Studium aufzunehmen, wenn trotz hoher Bildung nur niedrige Einkommen erwartet werden, sind entsprechend schwach. Darüber hinaus gehen die griechischen Studierenden davon aus, dass die durchschnittlichen Nettoeinkommen von Akademiker(inne)n von über 200 % der Armutsgrenze im Jahr 2010 auf weniger als 150 % der Armutsgrenze bis zum Jahr 2013 fallen werden. Die deutschen Studierenden erwarten demgegenüber eine stabile Einkommensentwicklung für Hochschulabsolvent(inn)en. Sie gehen davon aus, dass die Nettoeinkommen der Akademiker(innen) kontinuierlich bei 250 % der nationalen Armutsgrenze des Jahres 2010 liegen werden.
Die griechischen Studierenden erwarten ein durchschnittliches Einstiegsgehalt von 10.500 Euro. Ihre deutschen Kommiliton(inn)en gehen von 23.016 Euro aus. Rund zwei Jahre werden sie nach einer Stelle suchen müssen, die ihren Qualifikationen entspricht, glauben die angehenden Akademiker(innen) in Griechenland. Die deutschen Studierenden rechnen mit einer Suchzeit von lediglich einem halben Jahr. Entsprechend viele Griech(inn)en glauben, dass die Jobsuche im Ausland eine Option sein könnte. Rund 45 % der befragten griechischen Studierenden geben an, dass sie das Land nach dem Abschluss verlassen werden. Jede(r) Zweite glaubt, dass auch die anderen so handeln werden. Damit äußern die griechischen Studierenden eine wesentlich höhere Bereitschaft, ihr Land zu verlassen, als die deutschen Studierenden: Für die Studierenden in Thessaloniki ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie nach dem Studium im Ausland arbeiten, fast eineinhalb mal so hoch wie für die Studierenden in Erfurt. Die Autoren der Studie sehen hierin ein Indiz für die Gefahr einer deutlich erhöhten Abwanderung hochqualifizierter Fachkräfte („brain drain“) aus Griechenland.
Die Wissenschaftler um Königstein führten die Befragung im November 2011 durch, kurz nachdem Giorgos Papandreou als Ministerpräsident des Landes zurückgetreten war. Seitdem hat sich die wirtschaftliche Situation in Griechenland weiter zugespitzt. Die Forschergruppe beabsichtigt daher, die Befragung in diesem Jahr zu wiederholen, um zu prüfen, wie die wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen in Griechenland die Erwartungen und Pläne der Studierenden prägen. (tm)
