Hochschulnachricht
Hippler: Wichtige Ziele der Bologna-Reform verfehlt
14.8.2012
Vor zehn Jahren begann in Deutschland die Umstellung der Hochschulabschlüsse auf das gestufte Bachelor-Master-System, wie es die Bologna-Reform vorsieht. Zeit, Zwischenbilanz zu ziehen. Nach Angaben des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) sind mittlerweile 85 % aller Studiengänge an deutschen Hochschulen umgestellt. Bundesbildungsministerin Annette Schavan sieht die Bologna-Reform daher als eine „europäische Erfolgsgeschichte“. Kritischer äußert sich der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), Horst Hippler, im Interview mit der Süddeutschen Zeitung: Wichtige Ziele der Reform seien verfehlt worden.
Für eine Reihe von Fächern sei der Bachelorabschluss kein berufsqualifizierender Abschluss, so Hippler im Gespräch mit den SZ-Redakteuren Roland Preuss und Johann Osel am Ende der ersten 100 Tagen seiner Amtszeit als HRK-Präsident. „Eine Universität muss mehr leisten als Ausbildung, nämlich Bildung. Das tut sie mit dem Bachelor nicht.“ Ein Bachelor of Engineering sei kein vollwertiger Ingenieur, ein Bachelor in Physik kein Physiker. Diese Kritik hatte Hippler bereits vor Übernahme der HRK-Präsidentschaft als Vorsitzender des Zusammenschlusses der Technischen Universitäten in Deutschland (TU9) geäußert.
Im SZ-Interview bezeichnet es Hippler als Fehler, die Studierenden möglichst schnell durch das Studium zu schleusen. Dies habe mittlerweile auch die Wirtschaft erkannt. „Die Unternehmen brauchen Persönlichkeiten, nicht nur Absolventen. […] Der Jugendwahn ist an dieser Stelle vorbei.“
Ein weiteres Ziel der Bologna-Reform, nämlich Auslandsaufenthalte zu erleichtern, sei ebenfalls nicht erreicht worden. Die wechselseitige Anerkennung von Leistungen gestalte sich „nach wie vor schwierig“. Die europaweit eingeführten ECTS-Punkte zeigten nur die durchschnittliche zeitliche Belastung der Studierenden an, „sagen aber nichts darüber aus, was jemand kann“. „Diese Punkte sind keine echte Währung“, lautet Hipplers Fazit.
Nichtsdestotrotz sei es ein „enormer Vorteil“, dass die Studierenden mit dem Bachelorabschluss ein erstes akademisches Zeugnis erhielten. „Absolventen von Fachhochschulen bewerben sich damit erfolgreich um Stellen, an der Universität ist es eine Orientierungshilfe für die Entscheidung, ob und wie man weitermachen will.“ Zudem habe die Bologna-Reform eine Entschlackung und Modernisierung der Curricula insbesondere in den Geisteswissenschaften ermöglicht. Hippler will daher die Uhren nicht zurückdrehen, sondern vielmehr „das jetzige Konzept optimieren“. Der HRK-Präsident plädiert für ein „Studieren in unterschiedlichen Geschwindigkeiten“, das Studierenden mit Kindern und denjenigen, die neben dem Studium Angehörige pflegen oder berufstätig sind, einen individuellen Studienverlauf ermöglichen soll.
Ein Problem sieht Hippler insbesondere im Zugang zum Masterstudium. Der Ausbau der Masterstudienplätze müsse mit den steigenden Studienanfängerzahlen Schritt halten. „Wenn nur die Besten nach dem Bachelor weitermachen dürfen, steigt der Frust; hinausgehen in den Beruf können sie ja kaum.“
Hippler kritisierte außerdem erneut die mangelhafte Grundfinanzierung der deutschen Hochschulen. Nach HRK-Berechnungen fehlen sieben Milliarden Euro in den nächsten Jahren, um für alle Studienanfänger(innen) Studienplätze zur Verfügung zu stellen. Es sei absehbar, meint Hippler, dass die Länder mit Inkrafttreten der Schuldenbremse die nötigen Ausgaben nicht mehr finanzieren könnten. Selbst leistungsfähige Länder wie Bayern und Baden-Württemberg gerieten in Schwierigkeiten. Wenn die Hochschulen den Andrang nicht mehr verkraften könnten, sei damit zu rechnen, dass sie „den Zugang praktisch flächendeckend mit einem lokalen Numerus clausus beschränken müssen“.
Das Bundesbildungsministerium (BMBF) teilt die Kritik des HRK-Präsidenten nicht. Ministerin Schavan sagte bereits in der vergangenen Woche: „Noch nie war die studentische Mobilität so hoch wie heute, und noch nie waren die Studienzeiten so kurz wie jetzt.“ Die gestufte Studienstruktur biete viele Möglichkeiten der Karriereplanung und die Bachelorabsolventinnen und -absolventen kämen erfolgreich auf dem Arbeitsmarkt unter. Für Schavan ist die Bologna-Reform daher eine „europäische Erfolgsgeschichte“. Allerdings hält auch die Ministerin eine Weiterentwicklung für erforderlich: „Wir müssen die Bologna-Reform weiter konsequent vorantreiben“, wird Schavan in einer Meldung ihres Hauses zitiert. Sie sieht hierbei vor allem die Länder und die Hochschulen in der Pflicht. (tm)
Quellen: Süddeutsche Zeitung, Spiegel online, BMBF
