Hochschulnachricht

Symbolbild für NachrichtStudie: Vier von fünf Studierenden schummeln

17.8.2012

Soziologen aus Bielefeld und Würzburg haben erstmals empirisch untersucht, wie verbreitet das Schummeln im Studium ist. Demnach haben vier von fünf Studierenden mindestens einmal im Semester zu unlauteren Mitteln gegriffen. Dazu zählen die Studienautoren das Anfertigen von Plagiaten, das Abschreiben in Klausuren, das Erfinden oder Verfälschen von Messergebnissen und die Verwendung unerlaubter Hilfsmittel. Nur wenige Täuschungen werden aufgedeckt. Solide Methodenkenntnisse und das Beherrschen von Lernstrategien können nach Ansicht der Forscher Studierende vom Schummeln abhalten. Und: Zufriedene Studierende schummeln weniger.

79 % der Studierenden haben innerhalb eines Semesters mindestens einmal geschummelt; das ist das zentrale Ergebnis der Fairuse-Studie, die Soziologen der Universitäten Bielefeld und Würzburg im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) erarbeitet haben. Vier von fünf Studierenden nehmen es also mit der Wahrheit nicht so genau. Die ZEIT, die die Ergebnisse vorab veröffentlichte, spricht von einer „Schummel-Kultur an deutschen Unis“. Studienleiter Sebastian Sattler von der Universität Bielefeld differenziert: „Ich würde nicht in allen Fällen von Betrug sprechen. Immerhin braucht es deutlich weniger kriminelle Energie, mal einen Spickzettel zu schreiben, als ein glasklares Plagiat abzugeben.“

Letzteres trifft auf knapp jeden fünften Studierenden zu. Das Risiko, beim Plagiieren erwischt zu werden, ist gering: 94 % der Plagiate bleiben unentdeckt. Laut Sattler werden zu wenige Kontrollen durchgeführt: „Nur ein Viertel der Arbeiten wird stichprobenartig mit Suchmaschinen geprüft und nicht einmal jede fünfte mit einer Plagiatssoftware.“ Dies liege zum einen daran, dass die Dozent(inn)en zu wenig Zeit für aufwendige Kontrollen hätten. Zum anderen wollten sie ihre Studierenden nicht unter Generalverdacht stellen und dadurch das Lernklima beschädigen. Dennoch seien viele Doktormütter und -väter seit dem Aufdecken prominenter Plagiatsfälle in Sorge. Die Sensibilität für das Thema sei gewachsen. Die meisten Plagiate finden sich in den Ingenieurwissenschaften: Fast jeder dritte Studierende hat hier innerhalb eines Semesters Texte oder Ideen von anderen Autor(inn)en übernommen, ohne dies entsprechend zu kennzeichnen. Dennoch schätzen die Lehrenden in den Ingenieurwissenschaften Betrug kaum als Problem ein.

37 % der Studierenden haben innerhalb eines Semesters bei Klausuren abgeschrieben. Das Spicken ist besonders unter angehenden Mediziner(inne)n verbreitet, die sich allerdings im Studienverlauf auch besonders vielen Klausuren stellen müssen, während ihnen seltener das Anfertigen einer Hausarbeit abverlangt wird: Mehr als zwei von drei Medizinstudierenden schauen in Klausuren beim Nachbarn bzw. der Nachbarin ab – für Sattler ein „prekärer Wert“. Nur jede(r) dritte Dozent(in) erschwert das Abschreiben, indem unterschiedliche Klausurversionen verteilt werden, in denen die Fragen voneinander abweichend sortiert sind. Die Studie richtet den Blick auch auf eine weitere Form des akademischen Betrugs: Etwa ein Drittel der Studierenden in den Naturwissenschaften und der Medizin fälscht oder erfindet Messergebnisse.

Für Sattler sind die Fälle von Täuschung und Betrug ein gesellschaftliches Problem: „Es wird viel Geld in die Bildung investiert – wenn Leute betrügen, ist das eine Fehlinvestition. Zudem soll an der Uni nicht nur Stoff vermittelt werden, sondern es muss auch um Werte gehen. Nicht zufällig gibt es in vielen Berufen Probleme mit Korruption, Diebstahl am Arbeitsplatz oder unzuverlässiger Zeitabrechnung.“

Ob Studierende schummeln, hängt davon ab, wie sie mit ihrem Studium zurechtkommen. So hat die Fairuse-Studie ermittelt, dass zufriedene Studierende seltener täuschen als unzufriedene. Zu betrügerischem Verhalten neigt dagegen eher, wer gestresst ist, starken Konkurrenzdruck empfindet oder mit Prüfungsangst kämpft. Dieser Befund ist für alle Arten des Täuschens und für alle Fächer gültig. Ehrlicher sind darüber hinaus diejenigen, die sich mit den Methoden ihres Faches auskennen.

Für Sattler liegen die Möglichkeiten, gegen das Schummeln vorzugehen, daher auf der Hand. Prävention und das Vermitteln profunder Methodenkenntnisse sowie von Lern- und Zeitmanagementstrategien sollen die Studierenden zu mehr Ehrlichkeit bewegen. Die Hochschulen sollten die eingereichten Arbeiten zentral auf Plagiate untersuchen lassen. Dies spare Zeit für die Lehrenden. Zugleich, zeigt sich Sattler überzeugt, senke bereits die Ankündigung, die Arbeiten sorgfältig zu prüfen, bei den Studierenden die Bereitschaft zum Schummeln. Am wichtigsten sei es aber, wissenschaftliches Arbeiten und ein Verständnis dafür zusammen mit Lernstrategien und Zeitmanagement zu lehren. Nur etwa jeder Dritte Studierende sei der Ansicht, das akademische Handwerk gut zu beherrschen. „Wenn man solide Methodenkenntnisse und Lernstrategien vermittelt, kann man viele Probleme auf einmal angehen. Das muss von Beginn des Studiums an geschehen und dann immer wieder aufgefrischt werden“, meint Sattler. Diese Aufgabe dürfe auch nicht lediglich den Tutor(inn)en überlassen werden. Der Soziologe spricht sich zudem dafür aus, die Zahl der Prüfungen zu reduzieren und dafür mehr auf Qualität, Anleitung und Feedback zu achten.

Zwischen 2009 und 2012 wurden im Rahmen des Fairuse-Projekts in mehreren Erhebungswellen zwischen 2.000 und 6.000 Studierende sowie rund 1.400 Lehrende verschiedener Fachbereiche an mehreren Hochschulen befragt. Die vollständige Studie soll im September 2012 publiziert werden. (tm)

Quelle: Die ZEIT