Hochschulnachricht

Symbolbild für Nachricht„Für die weibliche Natur nicht geeignet“: Frauenbann an iranischen Universitäten

28.8.2012

Der Zugang zu 77 Studiengängen an 36 iranischen Universitäten soll Frauen künftig versperrt bleiben. Betroffen sind vor allem ingenieur- und naturwissenschaftliche Fächer, aber auch Studienprogramme in den Geistes- und Wirtschaftswissenschaften. Der Grund: Nach Ansicht des Wissenschaftsministeriums sollen einige dieser Fächer „für die weibliche Natur nicht geeignet“ sein. Außerdem bestehe keine Nachfrage nach den Absolventinnen auf dem Arbeitsmarkt. Iranische Intellektuelle und Menschenrechtsaktivisten sind entsetzt.

Die Entscheidung der iranischen Regierung unter Mahmud Ahmadinedschad, 77 Studiengänge an 36 der 120 staatlichen Universitäten des Landes künftig nur noch für männliche Studierende zu öffnen, wurde erst Anfang August bekannt. Zu diesem Zeitpunkt hatten bereits mehr als eine Million Studieninteressierte die zentralen Aufnahmeprüfungen abgelegt. Den erfolgreichen Bewerberinnen steht nun für das neue Studienjahr, das Ende September beginnt, ein deutlich reduziertes Angebot an Studiengängen offen. Das Regime verwehrt ihnen den Zutritt zu Studienprogrammen in den Ingenieur-, Wirtschafts- und Agrarwissenschaften, in Chemie, Politologie, Jura, Pädagogik, Geschichte, Geografie, englische Literatur, Restauration u. a.

Seyed Abolfazl Hassani, Beamter im iranischen Wissenschaftsministerium, begründete den Ausschluss der Frauen mit den Worten, manche Fächer wie Bergbau und landwirtschaftliche Maschinenkunde seien für die weibliche Natur nicht geeignet, weil sie harte körperliche Arbeit beinhalteten. Des Weiteren zeige die Erfahrung, „dass Frauen in diesen Bereichen nicht beruflich tätig werden. Das führt zu Arbeitslosigkeit unter Absolventen“, wird Hassani von der iranischen Nachrichtenagentur IRNA zitiert. Außerdem hätten die Universitäten die Einschränkungen eigenmächtig erlassen.

Dies hält die iranische Anwältin und Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi für ausgeschlossen. In einem Interview mit der ZEIT sagte Ebadi: „Das ist nicht wahr.“ Es handele sich allesamt um staatliche Universitäten, die dem Wissenschaftsministerium unterstünden. „Sie dürfen solche gewichtigen Entscheidungen nicht ohne die Zustimmung des Wissenschafts- und Hochschulministeriums beziehungsweise der Regierung treffen“. Ebadi hat einen offenen Brief an die UNO-Frauenrechtsorganisation UN Women geschrieben, um auf die Situation der iranischen Frauen aufmerksam zu machen. Sie sieht in dem Vorgehen der iranischen Regierung den Versuch, die Frauenbewegung zu schwächen und den Anteil weiblicher Studierender an den iranischen Hochschulen auf unter 50 % zu senken. Gegenwärtig sind rund zwei Drittel der iranischen Studierenden weiblich. „Die jüngste Politik der islamischen Republik versucht, Frauen in den privaten Bereich zu drängen“, schreibt Ebadi. „Das Ziel ist es, dass Frauen ihren Widerstand und ihre Forderungen nach eigenen Rechten aufgeben.“

Das Regime treibt anscheinend noch eine weitere Sorge um. Jüngst kritisierte das geistliche Oberhaupt Ajatollah Chamenei die sinkenden Geburten- und Heiratsraten. Wenn Frauen in zunehmendem Maße höhere Bildungsgänge absolvierten und Karriere machten, könne das angestrebte Bevölkerungswachstum nicht erreicht werden, so die Logik der Mullahs.

Wissenschaftsminister Kamran Daneschdschu wies die Kritik am Vorgehen der Regierung daher auch als „Propaganda ausländischer Medien“ zurück. „In 90 % der Fächer können sowohl Frauen als auch Männer studieren“, behauptete er auf einer Pressekonferenz Mitte August. Im vergangenen Jahr hatte der Minister allerdings verkündet, er wolle einem Beschluss des Hohen Rates der Kulturrevolution von 1987 folgen und eine Trennung von weiblichen und männlichen Studierenden durchsetzen, wie sie in den Schulen bereits praktiziert wird.

Kritik erntete die Regierung im Übrigen nicht nur von Intellektuellen und Menschrechtlern, sondern vereinzelt auch von konservativen Medien und Interessenorganisationen. Der regierungsnahe Studierendenverband Tahkim-e Wahdat nannte die Entscheidung eine „Heuchelei im Namen der Islamisierung der Universitäten“ und kündigte Proteste an. (tm)

Quellen: Spiegel online, ZEIT online