Hochschulnachricht
Bildung auf einen Blick 2012: Gemischte Bilanz für das deutsche Bildungssystem
11.9.2012
Die Kultusministerkonferenz (KMK) und das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) haben heute gemeinsam die Ergebnisse der OECD-Studie „Bildung auf einen Blick 2012“ vorgestellt. In vielen Kennziffern konnte sich Deutschland deutlich verbessern, bleibt aber weiterhin unter dem OECD-Durchschnitt. So ist beispielsweise die Studienanfängerquote nach OECD-Berechnungen 2010 auf 42 % gestiegen. Im OECD-Durchschnitt nimmt allerdings mit 62 % ein erheblich größerer Anteil eines Altersjahrgangs ein Studium auf. Mit 5,3 % des BIP gibt Deutschland zudem weniger für Bildung aus als der Durchschnitt der OECD-Länder (6,2 %). Auch erreichen junge Menschen seltener ein höheres Bildungsniveau im Vergleich zu ihren Eltern, als dies in anderen OECD-Ländern der Fall ist. Allerdings ist Deutschland deutlich besser durch die Krise gekommen als alle anderen Vergleichsländer. Bildung auf einen Blick 2012 zeigt erneut: Je höher der Bildungsstand, desto höher das Einkommen und desto geringer das Arbeitslosigkeitsrisiko.
Nach Ansicht von Staatssekretärin Cornelia Quennet-Thielen, die die Studie gemeinsam mit der niedersächsischen Kultusministerin Johanna Wanka in Berlin vorstellte, belegten die Ergebnisse die Leistungsfähigkeit des deutschen Bildungswesens. So sei die Bildungsbeteiligung in Deutschland überdurchschnittlich hoch und die Arbeitslosigkeit, insbesondere unter Jugendlichen, so gering wie in keinem anderen europäischen Land. Wanka zeigte sich erfreut, dass sich Deutschland in den vergangenen Jahren in wichtigen Bereichen verbessern konnte, mahnte aber auch zu weiteren Anstrengungen und einer Erhöhung der Ausgaben für die Bildung.
Ausgewählte Ergebnisse von „Bildung auf einen Blick 2012“:
Die Studienanfänger- und Abschlussquoten in Deutschland steigen, sind aber weiterhin niedriger als der OECD-Durchschnitt. Die Studienanfängerquote erreichte nach OECD-Berechnungen 2010 42 % und lag damit 20 Prozentpunkte unter dem OECD-Durchschnitt. Die Quote der Hochschulabsolvent(inn)en stieg auf 30 %, bleibt damit aber ebenfalls unter dem OECD-Durchschnitt von 39 %. Da sich der Absolventenanteil in den meisten Vergleichsländern darüber hinaus dynamischer entwickelt, hat sich die relative Position Deutschlands im OECD-Vergleich sogar verschlechtert.
Mit Blick auf die unterdurchschnittlichen deutschen Beteiligungsquoten an tertiärer Bildung wird in der Regel auf das leistungsfähige System beruflicher Bildung in Deutschland verwiesen. 86 % der deutschen Bevölkerung verfügen entweder über das Abitur oder eine abgeschlossene Berufsausbildung. Im OECD-Schnitt sind es nur 74 %. Daneben war Deutschland in den Jahren der Wirtschafts- und Finanzkrise 2008-2010 das einzige OECD-Land, in dem die Arbeitslosigkeit für alle Bildungsniveaus gesunken, nicht angestiegen ist – für Akademiker(innen) von 3,3 % auf 3,1 %. Im OECD-Durchschnitt stieg sie für Erwachsene Hochschulabschluss von 3,3 % auf 4,7 %. Auch die Jugendarbeitslosigkeit ist in Deutschland geringer als in jedem anderen Land der EU und im OECD-Durchschnitt.
Gleichzeitig zeigt ein in diesem Jahr erstmals aufgenommener Indikator zur Bildungsmobilität zwischen den Generationen, dass Bildungsaufstiege in Deutschland seltener sind als in anderen Ländern. In den meisten OECD-Ländern ist der Anteil der jungen Erwachsenen, die ein höheres Bildungsniveau erreichen als ihre Eltern, größer als der Anteil derjenigen, die ein geringeres Bildungsniveau erreichen. In Deutschland ist dies nicht der Fall: 20 % der jungen Erwachsenen konnten ein höheres Bildungsniveau erreichen als ihre Eltern (OECD-Durchschnitt: 37 %); 22 % schlossen ihre Ausbildung jedoch mit einem niedrigeren Niveau ab (OECD-Durchschnitt: 13 %). Estland und Island sind die beiden einzigen anderen OECD-Länder, in denen die „Abwärtsmobilität“ stärker ausgeprägt ist als die „Aufwärtsmobilität“.
Deutschland investiert 5,3 % seines Volksvermögens in Bildung. Der OECD-Durchschnitt liegt bei 6,2 %. Dabei wird hierzulande überdurchschnittlich viel in frühkindliche Bildung investiert, während die Ausgaben für den Primar-, Sekundar- und Tertiärbereich unterdurchschnittlich sind. Dennoch gehört Deutschland zu den nur 13 OECD-Ländern, in denen die öffentlichen Ausgaben für Bildung seit 2005 zunehmen. Die Bundesregierung sieht sich daher auf gutem Wege, das selbstgesteckte 10-Prozent-Ziel zu erfüllen.
Bildung zahlt sich individuell und für die Gesellschaft aus. Diesen Befund früherer Berichte bestätigt auch „Bildung auf einen Blick 2012“. Ein männlicher Absolvent eines Hochschulstudiums oder einer Meister- bzw. Fachschulausbildung kann damit rechnen, dass er im Laufe seines Erwerbslebens mindestens 384.000 US-Dollar brutto mehr verdienen wird als ein Mann mit einem niedrigeren Bildungsabschluss. Bei Frauen beträgt die Differenz 267.000 US-Dollar. Daneben wirkt sich höhere Bildung auch auf immaterielle Aspekte wie Gesundheit, Lebenszufriedenheit und gesellschaftliche Teilhabe positiv aus. Die öffentliche Hand profitiert von höheren Steuern und Sozialbeiträgen sowie einem geringeren Erwerbslosigkeitsrisiko. Stellt man die Ausgaben, die der deutsche Staat in die Bildung des Einzelnen investiert, dem öffentlichen Nutzen gegenüber, der daraus resultiert, ergibt sich ein öffentlicher Ertrag eines Hochschulstudiums von 156.000 US-Dollar bei Männern und 73.000 US-Dollar bei Frauen. Diese gesellschaftliche Rendite liegt jeweils deutlich über dem OECD-Länderdurchschnitt.
Frauen verdienen in der Regel weniger als Männer. In den letzten Jahren hat sich das Einkommensgefälle zwischen den Geschlechtern in vielen OECD-Ländern verringert. In Deutschland lässt sich jedoch die gegenläufige Entwicklung beobachten: Das durchschnittliche Einkommensniveau von Frauen mit einem Hochschulabschluss liegt heute in Deutschland 44 % unter dem von Männern mit gleichem Bildungsniveau. 2000 waren es 39 %; im OECD-Durchschnitt sind es 33 %. Einer der Hauptgründe für diese Entwicklung ist nach OECD-Angaben der hohe Anteil von Frauen in Deutschland, die Teilzeit arbeiten. (tm)
Quelle: OECD, BMBF
