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8. Jahrgang - Nr. 1 / Januar 2001

Reif für die Insel "HISZUL" - nicht auf, sondern mit JAVA

Internet-fähig, objektorientiert, plattform-unabhängig - wer seine Software mit diesen Schlagworten beschreibt, hat erst einmal ein paar Pluspunkte sammeln können. Wenn die Programme dann nicht mehr Programme, sondern Applets heißen, dann wird schnell klar - hier ist von JAVA die Rede.

HISZUL konnte bisher auf diesem Gebiet nicht ganz mithalten. Wohl gibt es seit Jahren eine komfortable GX-Maske zur Erfassung von Studienbewerbern, aber wenn es dann zur Studienplatzvergabe geht... Alpha-Oberflächen, alles nur schwarz-weiß, und die Maus funktioniert schon gleich gar nicht. Wann gibt es endlich eine Vergabe unter GX? So lautete eine - auch von den Anwendern - häufig gestellte Frage.

Nun, sicher wäre es möglich gewesen, auch die in Informix-4GL programmierte Studienplatzvergabe mit Visual Basic als GX-Anwendung zu programmieren. Es gibt aber auch Argumente, die es zweifelhaft erscheinen lassen, diesen Weg zu gehen:

Visual Basic ist eine Programmiersprache, die umfangreiche Werkzeuge zur Erzeugung einer attraktiven Benutzeroberfläche bereitstellt. Bei der Studienplatzvergabe ist aber die Bedienoberfläche nicht das Entscheidende: Es müssen ja gar nicht so viele Daten eingegeben werden, mit der Angabe von Studiengang, Abschluss und Fachsemester ist es meist getan. Außerdem gibt es pro Studiengang und Semester ja nur ein Hauptverfahren und eventuell ein oder zwei Nachrückverfahren, die Anwendung wird ungleich seltener gebraucht als etwa die HISZUL-GX-Bewer-ber-datenerfassung. Die eigent-liche Leistung des Programms spielt sich im Hintergrund ab, die Einordnung der Bewerber in Quoten, die Sortierung nach Note, Wartezeit und anderen Kriterien, die Berechnung der Zulassungszahlen in den Quoten, die Vergabe der Studienplätze. Für solche Hintergrundarbeiten aber stellt Visual Basic keine speziellen Werkzeuge zur Verfügung. Deshalb schien uns dieser Weg wenig zweckmäßig. Außerdem hätte eine komplette Neuentwicklung erhebliche Entwicklerkapazitäten erfordert.

Anfang dieses Jahres fanden wir nach sorgfältiger Marktanalyse ein Migrationswerkzeug der Firma ArtinSoft. Das Tool Freedom von ArtinSoft sollte Informix-4GL-Anwendungen komplett in JAVA-Code umsetzen, der dann weiter bearbeitet und entwickelt werden kann. Da HIS ohnehin JAVA als Programmiersprache für Neuentwicklungen favorisiert, war das natürlich ein erfolgversprechender Ansatz. Nachdem ein erster Test gut gelaufen war, wurde entschieden, unter anderem auch die Batch-Teile von HISZUL auf diese Weise nach JAVA zu portieren.

Es gab zwei Optionen von ArtinSoft: Migration beim Kunden oder bei ihnen in der Firma. HIS entschied sich für die Umsetzung bei ArtinSoft, was für mich eine längere Dienstreise bedeutete: ArtinSoft hat ihren Firmensitz in San Jose, Costa Rica.

Der Empfang nach 13 Stunden Flug war schnell und unkompliziert, binnen 20 Minuten war mein Laptop in das Firmennetz integriert, die Mailbox eingerichtet. Gemeinsam mit Bernaro ("meinem" Betreuer) luden wir die Daten per FTP vom Server in Hannover (was übrigens genau so schnell ging wie von Oldenburg oder Osnabrück) und installierten die 4GL-Anwendung. Dann wurde ein erster Migrationslauf gestartet.
Das entstandene JAVA-Programm ließ sich tatsächlich sofort starten, wenngleich natürlich nicht alles gleich reibungslos funktionierte. Von verschluckten Buchstaben (die Datenbank hieß plötzlich nur noch ospos) über fehlende Meldungszeilen und verloren gegangene Cursor bis hin zu diversen Programmabstürzen hielten die nächsten Testtage und -wochen alles bereit, was man sich nur vorstellen kann.

Sehr nützlich war in dieser Phase die unmittelbare Nähe des Entwicklerteams. Die Kollegen kannten natürlich die 4GL-Sprachkonstruktionen, die nach der Migration mitunter zu Problemen im JAVA-Code führen können, ganz genau. So war es manchmal einfacher, im 4GL-Programm zu ändern und dann die Quelltexte erneut zu migrieren. Andere Probleme konnten durch Nacharbeiten am JAVA-Code gelöst werden. So kann beispielsweise eine Zufallszahl mit einer JAVA-Methode erzeugt werden. Im 4GL-Programm musste hier der Umweg über eine c-Funktion gegangen werden. Ein weiteres Detail des Migrationstools war für mich sehr hilfreich: Jedes 4GL-Programm wird in eine eigene Klasse umgesetzt, und zwar unter dem gleichen Namen. Das hat den Vorteil, dass man sich im JAVA-Code irgendwie sofort "heimisch" fühlt, weil ja die innere Programmlogik weitgehend erhalten bleibt.

Die Arbeitsatmosphäre in San Jose war sehr angenehm. Bei einem kleinen Firmenrundgang wurden wir kurz vorgestellt, und danach gehörten wir eben dazu. Auch meine nicht vorhandenen Spanischkenntnisse waren da kein Hindernis, in der Firma sprachen fast alle englisch. Man fand für seine Fragen immer ein offenes Ohr, und wenn es nur darum ging, wo der Kaffee zu finden sei (den gibt's da übrigens für alle gratis bzw. auf Firmenkosten, na in Costa Rica kein Wunder). Etwas ungewöhnlich waren die Arbeitsbedingungen: Abgeschlossene Büros gab es nur für die Firmenleitung, alle anderen arbeiteten mehr oder weniger öffentlich: Mit brusthohen Leichtbauwänden waren Nischen und Ecken abgeteilt, ein Brett in Schreibtischhöhe an die Wand, Computer, Bildschirm, Tastatur, Maus - fertig war der Arbeitsplatz. Man schien mit sehr wenig Papier auszukommen, Schrankwände voller Dokumentationen habe ich kaum gesehen.

Sehr großen Wert legte ArtinSoft auf eine ständige Kontrolle des Arbeitsfortschrittes. Wöchentlich gab es ein Meeting mit dem verantwortlichen Abteilungsleiter, das genau protokolliert wurde. 8 Tage später war das Protokoll dann Grundlage des nächsten Meetings. So ist es uns tatsächlich gelungen, alle HISZUL-Tests pünktlich abzuschließen.

Die erzeugte JAVA-Applikation kann natürlich ihre Herkunft nicht leugnen: die Masken sind eine 1:1-Umsetzung der bekannten 4GL-Bildschirmmasken. Hier ist geplant, die Oberfläche durch wirkliche JAVA-Komponenten schrittweise zu ersetzen, um die Möglichkeiten von JAVA auch auszunutzen. Die eigentliche Verarbeitung wird durch den migrierten Code erfolgen. HISZUL-JAVA umfasst derzeit das gesamte Leistungsspektrum der 4GL-Anwendung mit Ausnahme der Sicherheitsabzüge. Dieser Teil wird in Hannover entwickelt, weil hier in größerem Maße Shell-Scripts verwendet wurden, die nun mal nicht zu Informix-4GL gehören und daher nicht portiert werden können. Wir konnten einige Hochschulen als Pilotanwender gewinnen (würden aber auch noch Anwender mit JAVA-Erfahrung suchen!) und hoffen nun, bis zur HIS-Nutzertagung im April 2001 genügend Erfahrungen gesammelt zu haben, um dann guten Gewissens HISZUL-JAVA zur Nutzung freizugeben.

An den Wochenenden haben wir natürlich noch versucht, Costa Rica auch touristisch kennenzulernen, selbst wenn die äußeren Bedingungen dazu nicht optimal waren - es war Regenzeit. Beeindruckt haben mich die Vulkane - wenn nachts am Arenal nach einer Eruption rotglühende Lava den Hang hinunter fließt, ahnt man etwas von den da schlummernden Naturgewalten - und natürlich die Tierwelt. Jede Menge Vögel, dazu Affen, Faultiere und Leguane. Und ein Spitzmaulkrokodil, ca. 3,5 m, sowohl Länge als auch Abstand zu unserem Boot. Es schien aber satt zu sein...

Nähere Auskünfte

Dr. Roland Keilhoff


Quelle: HIS Hochschul-Informations-System GmbH
http://www.his.de/publikation/archiv/Dvnews/DV_07-2001/DV_01-2001/dvn0004
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